Nur noch leichtes Gepäck

Seit Jahren liegt mein unfertiges Manuskript in einer Schublade mit dem Arbeitstitel „Bei der nächsten Alpenüberquerung wird alles anders – ich nehme nur noch leichtes Gepäck“. Dass es dort liegt und liegt und auf Vollendung wartet ist ganz sicher dem Umstand geschuldet, dass sich leichtes Gepäck nicht wie anfangs formuliert nur auf das Gewicht meines Trekkingsrucksacks beschränken lässt.

Seit genauso vielen Jahren, wie meine Alpendurchquerung zurückliegt, verfolge ich Minimalismus-Blogs, nehme an Coachings zum Thema teil und lasse mich inspirieren, um danach genauso voll und satt wieder in meine Routinen des Hortens zurückzuversumpfen.

Seit einem Jahrzehnt habe ich mit Menschen zu tun, die erfahren, dass das Leben endlich ist. Die Diagnose „Krebs“ krempelt ein ganzes Leben um. Einige der Menschen, die ich kennenlernen und ein Stück weit begleiten durften, erzählen davon, dass sie gerne alles anders machen möchten. Sie zählen Dinge auf, die bei mir Leichtigkeit anklingen lassen, Zeit für Freunde und Fröhlichkeit, Selbstverwirklichung und Träume leben sind Teil ihrer Botschaften.

Das hat mir sehr geholfen mein Mindset in Richtung „Leichtigkeit“ zu trimmen und sicherlich auch dabei meinen Trekkingrucksack zu packen. Ich habe wochenlang gepackt. Ich habe alles, was ich mitgenommen habe, abgewogen! Was sich an Gewicht nicht verringern ließ, war das Hundetrockenfutter und mein „Survival-Kit – 1. Hilfe Elite Package für mich und meinen Hund“ Neben meinem Proviant aus schweren und dazu hochkalorischen Nüssen machte der Teil Futter und 1. Hilfe 5,6 kg von 14 kg aus! Danach kam das Kartenmaterial, dass ich mir eingepackt habe, falls mein GPS ausfällt bzw. ich kein Netz habe und die Vorteile von echten Karten für mich immer noch gegen die Online-Karten überwiegen. Dem Rest des Gepäcks machte meine Kleidung aus.

Es gab für 4 Wochen – 2 Oberteile, 1 Fleecepulli, 1 Weste, 1 Jacke. Es gab nur 1 Hose, die man verwandeln konnte in eine kurze Hose und nur ein Bustier. Ich habe mich immer wohlgefühlt auf der „Reise“ in meinen Sachen und kann mich nicht erinnern, an ein „Lieblingsteil“ im Kleiderschrank gedacht zu haben! Es war alles so einfach! Und das Anziehen in der Früh – ach herrlich!

Wieder zurück mit all meinen Erkenntnissen und Versuchen und Gedanken sitze ich nun doch wieder vor vollen Schränken und es reihen sich vor allem Outdoorbekleidungstücke aneinander. Es ist, als hingen dort alle Berge, Flüsse, Täler hintereinander, die ich in den letzten 20 Jahren durchwandert habe und dabei erinnere ich mich aber auch immer wieder an meinen größten Wunsch:  eine Capsule Wardrobe für meine Bekleidung (ein minimalistisch – i.d.R. mit 37 Teilen gefüllter Kleiderschrank).

Doch ich drehe mich im Kreis. Ich bin ja nicht nur „extrem“ Outdoor unterwegs, manchmal ja auch nur mit meinen Jungs auf dem Bolzplatz oder beim Klettern. Beim Yoga mag ich es natürlich bequemer und da es u.a. auch mein Business ist, darf es nicht nur die Schlabberhose sein, die ich trage, denn ich will die funktionale Haltung ja auch zeigen und da kann ich in einer Ballonhose ja viel erzählen, wie meine Beine strecke.

Und dann gibt es noch meine Tätigkeit als Referentin, wo ich in Outdoorbekleidung oder Yogaoutfit auch nicht wirklich glänze. Es versuchen also irgendwo 4 Jobs auf der Kleiderstange ihren Platz einzunehmen und alles mischt sich und von Capsule Wardrobe, der Idee, dass ich mit wenigen Teilen auskomme, bin ich weit entfernt.

Aber das muss doch gehen!? Verdammt, warum hat doch noch keiner einen Blog drüber geschrieben, wo ich mir Anregungen holen kann!

Alleine komme ich da nicht weiter.  Ich brauche Motivation und Beratung und das Beste was mir passieren konnte ist eine erfahrene Stylistin, die auf Nachhaltigkeit und Minimalismus setzt und mich online dabei unterstützt! Danke Viola Haderlein für die Geduld und großartige Online-Unterstützung! Ich bin begeistert, wie gut man das online umsetzten kann! Wir beginnen damit, den Kleiderschrank nach „Farben“ zu sortieren. Also genauer gesagt, die Farben beiseite zu legen, die mir nicht optimal zu Gesicht stehen – und das ist ja in der Outdoorbekleidungsbranche kein seltenes Problem. Die meisten Firmen setzten auf Auffälligkeit, was ja oft auch Sinn macht, denn wenn ich am Berg in Not gerate, wirkt sich eine farblich stark auffällige Jacke ja durchaus positiv auf mein schnelles Auffinden aus.  Nur manchmal frage ich mich, ob es wirklich eine 2-Lagen-Shell und 3-Lagen-Shell Jacke braucht, ob ich im Kanu nicht auch Baumwollklamotten gut kentern kann und im Winter am Berg ohne Schneefang in der Jacke auskomme und ob es überhaupt noch dicken Daunenjacken braucht, wo ich dank meiner Tummo-Meditation und Wim-Hof Techniken, doch regelmäßig Hitze erzeuge.

Leider stellen meine Stylistin und ich fest beim ersten Termin fest, dass die meisten meiner Farben gut zu mir passen. Das hilft also erstmal nur marginal weiter. Der nächste Schritt ist es aus 4 Garderoben 2 zu kreieren, also 2 Jobs und die passende Kleidung sozusagen zusammenzufassen. Das ist ein guter Kompromiss und mit dem Beschränken auf Teile, die wirklich für die Saison passend sind und nicht für das ganze Jahr, fallen die Hälfte meiner Kleidungsstücke aus dem Schrank und davon wiederum die Hälfte wird verschenkt. Von den übriggebliebenen Sachen suche ich die heraus, die ich praktisch finde, aber nicht wirklich „liebe“ (bzw. die ich nicht auf meine nächsten Alpendurchquerung mitnehmen würde). Die kommen in die „vielleicht“ Kiste. Die übrigen Sachen ziehe ich nun nach und nach wieder an und kombiniere neu. Dabei muss ich mir eingestehen, dass manches gar nicht mehr so gut sitzt, Flecken hat, die nicht rausgehen, zu oft genäht oder geflickt wurde, kein angenehmes Gefühl auf der Haut mehr machen usw. Die kommen direkt und ohne Hemmungen in den Müll. Die kann ich auch nicht mehr verschenken. Das macht immerhin 20 Teile aus!

Die vielleicht-Kiste füllt sich. Die Mülltonne bleibt leer. Es taucht was anderes auf. Plötzlich beginnen mich sämtliche Unterlagen und Papiere zu nerven oder zu belasten. Ich fange an, meine Unterlagen zu sortieren. Ich mache meine Buchhaltung und dann kommen da wieder Zweifel auf. Zweifel, ob es richtig ist, die guten und teuren Outdoorsachen auszusortieren, nur weil ich davon etwas doppelt habe. Die Fülle macht doch das Leben aus. Es dauert etwas, bis ich wieder zurückkehre auf den Pfad des Loslassens. Ich fange wieder an, öffne meinen Schrank und wage einen Neuanfang. Ich stelle fest, dass es Dinge gibt, die ich vermisse und gerne anziehen möchte. Also hole ich sie wieder zurück ins Leben und raus aus der Vielleicht-Kiste. Es gibt Sachen, vor allem die, ich weniger oft brauche, weil ich den Tätigkeiten seltener nachgebe oder die Anlässe zu selten sind, die ich deshalb nicht anrühre, zu denen der Bezug fehlt, weil sie „Businesssachen“ eines Business sind, das ich zukünftig anders ausfüllen möchte. Ich frage mich, was ich von diesem Style mit meinen Outdoorsachen kombinieren kann. Außerdem wage ich mich erstmal in Yogaleggins und Bluse in einen Job, der nichts mit Yoga zu tun hat. Mit den neuen Kombinationen taucht da plötzlich eine Essenz wieder ans Licht, die mich ausmacht, die ich lange bedeckt gehalten habe – im doppelten Sinne. Ich verlasse die Kategorien „Jobs“ und mache eine Kategorie daraus und zwar eine, die meinen Namen trägt. Seitdem öffne ich täglich meinen Schrank und bitte das Teil sich zu zeigen, was nicht mehr zu mir passt. Zeigt sich nichts, beginne ich meine Kleidungsstücke nacheinander anzuziehen und zu fühlen und zu kombinieren. Wenn ich die Möglichkeit hätte, direkt morgen wieder auf eine Reise zu gehen – nicht nur die Alpen, sondern auch durch Landschaften und Städte – was würde ich mitnehmen?

Es gibt ein großes Vorbild, das ich habe. Sie ist nicht alt geworden. Mitte 40. Beruflich erfolgreich in Businesskleidung unterwegs. Halb so viele Hosenanzüge wie Lebensjahre. Doch die nützen nichts, wenn man erfährt, dass man stirbt. Was tut sie? Um ihren Mann nicht zu belasten mit all ihrem Kram, verschenkt sie alles was sie hat bis auf wenige Bekleidungsstücke. Sie behält die Lieblingsteile, die sie in den letzten Monaten tragen wird. Sie ist so klar und stark. Sie lässt los und fühlt sich frei! Erstmals frei. Sie blüht regelrecht auf. Sie schafft es noch eine 7km Nordic Walking Runde mit mir zurückzulegen. Drei Wochen später stirbt sie. Sie erklärt mir, wie wichtig dieser Schritt des Loslassens war für ihre Lebensqualität seit ihrer Diagnose.

Ich denke jedes Mal daran zurück, wenn ich vor dem Schrank sitze und mich lethargisch fühle, mich im Kreis drehe, wenn meine Sachen anfangen mir ihre Geschichten zu erzählen…“Weißt du noch…damals…“. Es gibt eine Jacke, die ich nie anrühre. Die hatte ich an, als mein Hund in meinen Armen gestorben ist. Ich bezeichne sie als meine 2. Kuscheldecke. Die zu behalten ist OK. Bei allen anderen Sachen – wird mir immer klarer, was ich auch anderen gegenüber postuliere: Wann möchtest du leben? Damals oder heute? Stell dir die Frage, was tut dir jetzt gut! Für mich ist das DIE Frage, die alles aushebelt – denn mir tut gut, Wasser, Natur, eine bequeme Hose, ein Shirt, dass beim Bücken nicht hochrutscht, ein Kapuzenpullover, meine Barfußschuhe und meine Yogamatte. Fertig.

Warum machen wir oft so ein Drama um unseren Kleiderschrank? Tim Desmond, Experte für positive Psychologie und ein langjähriger Schüler Thich Nhat Hanhs, hat etwas Schönes dazu gesagt:

„Für mich entsteht Fülle aus dem Vereinfachen – und daraus, mit weniger glücklich zu sein.“

Ich habe mir das aufgeschrieben. Es hängt gerade an der Innentür meines Kleiderschrankes 😊

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