Abgefahren – München- Borkum mit dem Rad

Was ich alles im Nachhinein auf meiner minimalistischen Fahrradreise mit Kind und Hund von München nach Emden und auf die Insel Borkum (1000km) gelernt habe!

Was war ich entspannt – trotz körperlicher Anspannung. Wie oft habe ich gebibbert, ob wir unser Ziel – den nächsten Campingplatz nach 11 Stunden im Sattel erreichen. Jeden Tag aufstehen, immer wieder alles einrollen, verpacken, montieren und sich auf neues Terrain einstellen. Das kann schon ganz schön an den Nerven zehren. Zumindest bin ich nicht immer sehr entspannt, wenn ich nicht weiß, was mich erwartet, auch wenn ich mich mit positiven Gedanken versuche zu beruhigen. Auf der Fahrradreise hat sich aber dennoch eine Grundentspannung eingestellt, die ich nach Tagen als selbstverständlich nahm. Nur heute – 2 Monate später im Alltag merke ich, wie sehr mir meine Reise dabei geholfen hat mein ständig übererregtes Nervensystem beruhigen. Und heute kann ich klarer sehen, welche Tools das waren.

Es ist wirklich verrückt. 11 Stunden fast täglich auf dem Rad mit 60kg Gepäck bei konstant über 34 Grad und keiner Wolke am Himmel. Das war wirklich strapaziös und die Sorge, wann die nächste Wasserstelle kommt, war irgendwann berechtigt, denn meine Fahrradwege führten mich oft über mehrere Stunden nur über Felder und Bundesstraßen ohne größere Ortschaften und Tankstellen. Nicht mal ein Wasserbrunnen ist mir begegnet oder ein Friedhof, auf dem ich hätte Wasser nutzen können. Wir hatten immer mindestens 8 Liter Wasser dabei, dass nach einigen Stunden sehr warm wurde und alles andere als erfrischend war. Die Campingplätze wurden täglich angerufen und ich habe uns mit Verspätung angekündigt und hatte zumindest immer den „Kind-Bonus“ und wir sind schon 70km unterwegs“. Bitte warten Sie noch auf uns bevor sie schließen. Es sind nur noch 20km. Stress war auch, dass das Handy wegen Hitze ausfiel und somit die Navigation. Das GPS-Gerät am Fahrrad hatte sich nach 5 Stunden entladen. Die Solarpanels taten ihr Bestes, wurden aber schnell zu heiß und wir konnten die Geräte nie soweit laden, dass es für die nächsten 50km Navigation gereicht hätte. Die starke Sonneneinstrahlung machte es mir fast unmöglich (liegt aber auch an meinen Augen) das Mini-Display zu erkennen, dass ich natürlich im Energiesparmodus hielt. Mein Handydisplay war ohnehin schon zerkratzt und stellenweise defekt, so dass ich regelrecht ausgeflippt bin und laut geschrieben habe, über alle die Scheiße – nämlich nicht zu wissen, wo man ist, sich nicht auszukennen und wertvolle Zeit zu verlieren. Das alles klingt doch nicht sehr entspannend, oder?

Und doch. Ich war sehr entspannt! Die Bewegung – schön zyklisch – das Radfahren beruhigt mich grundsätzlich. Das Schauen in die Ferne hat meine Augen entspannt und öfter fing ich an einfach so vor mich hinzusummen. Das ist eine super Übung, um den Vagus-Nerv anzusprechen und das Nervensystem zu balancieren. Der Tag war strukturiert, aber nie gleich. Dennoch gab es eine gewisse Sicherheit. Das beruhigt auch. Gegessen haben wir intuitiv, manchmal auch ganz merkwürdige Sachen. Wir haben auf unser Verlangen gehört, hatten immer nur so viel wie wir verbrauchen konnten bis zum nächsten Tag (Notfallration) und haben nie Lebensmittel wegwerfen müssen. Unsere Ernährung war – bis auf zweimal Verlangen auf Fisch – rein vegan. Wir hatten nie Wadenkrämpfe, Verdauungsbeschwerden oder ähnliches. Alles in und an uns wurde ruhiger.

Der Handykonsum bzw. das Nutzen von Messengerdiensten war gleich Null. Nur abends gab es eine Nachricht – oft auch nicht – an die Familie. Die Idee regelmäßig Fotos von der Reise zu posten, hatte sich oft erübrigt, weil es oft kein W-Lan auf dem Plätzen gab und das Datenvolumen geschont werden musste für Recherche und Online-Navigation.

Morgens war ich in 1 Minute angezogen. Einfach die Sachen am Fußende anziehen oder austauschen. Bei einer sehr überschaubaren Zahl Kleidungsstücken ein echter Luxus! Einmal geschickt gepackt – funktional und farblich gut kombinierbar und alles ist easy.

Keine vollen Waschmaschinen ausräumen. Die Sachen wurden alle paar Tage kurz beim Duschen durchgewaschen mit Shampoo und das Material war meist leichttrocknend. Socken gab es auch nur 2 Paar. Kein ewiges Socken suchen oder zusammenlegen.

Das Geschirr war immer verstaut. Es standen nie ungewaschene Töpfe herum, denn es gab nur einen und „Buddhas Bowl“ war unsere Leibspeise. Das Auge und damit das Hirn hatte somit immer Ruhe bzw. konnte sich an stets erledigten Dingen freuen.

Dinge, die kaputtgingen wurden sofort repariert. Nichts wurde auf die lange Bank geschoben und gesammelt. Wir haben ja alles gebraucht. Das waren Glücksgefühle, die Hose gleich wieder repariert zu haben, das Zelt gleich wieder silikoniert oder den Reifen sofort geflickt.

Das Tollste an Fahrradtaschen ist, dass man irgendwann (nicht gleich) ein System entwickelt, wie man sie packt und was man ganz unten und was ganz oben platziert. Ein Griff genügte, um Besteck, Werkzeug oder Kuschelkissen herauszuholen.

Was wir nie benötigt haben, war die Erste Hilfe. Gott sei Dank. Sie war für meine Verhältnisse (bin ein Sicherheitsfanatiker) sehr bescheiden bestückt und wir haben es nicht benötigt. Nicht mal ein Pflaster.

Ein paar Nächte habe ich bitter gefroren und mich geärgert, meinen normalen Schlafsack heimgesendet zu haben und nur den extrem dünnen Schlafsack zu haben. Ich hatte an einigen Nächten im Sommer meine Wollunterwäsche an und mir ist dennoch nicht warm geworden. Das hat mich einige Nerven gekostet.

In der nächstgrößeren Stadt habe ich mir einen Schlafsack gekauft und eine neue Isomatte für meinen Sohn, denn seine hat am Ventil ständig Luft verloren. Aber auch das war großartig. Das war Selbstfürsorge und hat uns neuen Schwung gegeben. Ich musste nicht mehr frieren und mein Sohn hatte wieder eine mit luftgefüllte Schlafunterlage.

Es gäbe noch so viel zu berichten für minimalistisches Fahrradreisen mit Kind und Hund. Aber dazu vielleicht in einem anderen Blog.

Für diejenigen, die sich fragen, wie die Kilometer zusammenkommen, denen sei zur Erklärung noch erwähnt, dass wir nicht die direkte Route fahren konnten, weil die Anzahl der Fahrtage, also die tägliche Kilometerleistung erfüllt werden musste und demnach alle 70-90km im Schnitt Campingplätze angefahren werden mussten. So wurde die Strecke unwillkürlich länger und leider haben wir uns auch – vor allen in den Städten – einige Male verfahren oder wenn das GPS ausgefallen ist auf weiter Flur.

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