Hund und Yoga

Ich hänge in Gedanken noch den letzten Gassirunden mit meiner Hündin hinterher. Wild, lebensfroh und eigenwillig verhält sich mein Glückspelz am anderen Ende der Leine. Für mich wird die Freude auf die abendliche Ruhe und den Genuss auf ein wenig Bewegung am Abend mit ihr nach einigen hundert Metern getrübt, weil sie zieht, zerrt und schnüffelt.

Ja ich weiß, jeder erfahrene Hundebesitzer und Trainer fängt gerade an zu gähnen. Einfaches Leinentraining – fertig. Das habe ich schon alles durch mit dem Ziel und dem Ergebnis, dass Hund immer in meiner Nähe läuft – auch ohne Leine – brav über Monate an einer Schleppleine geübt, auf die ich im Notfall draufgestiegen bin.

Stand heute bei NULL. Die erste Läufigkeit hat das Gehirn vernebelt und mir meine letzten Hundenerven geräubert. So kam es mir gerade, dass Gassigehen eigentlich so etwas wie Yoga an der Leine ist!

ATHA („Jetzt“ auf sanskrit) GASSI. Das heißt, dass ich jetzt in Gedanken nur beim Gassi gehen bin. Ganz präsent bei der Sache also. Wie bei einem Vortrag. Da ist auch gerade mal egal, ob es noch genug Klopapier im Haus hat. Ich leine meinen Hund an, atme tief ein und aus, noch mal tief ein, vorbereitend aus und dann „Atha Gassi“. Ich setze außerdem eine Intention und schaue meine Hündin liebevoll an. Die Intention lautet: Entspannt an der Leine mit nonverbaler Kommunikation. Keine 10 Meter von der Haustür entfernt, sinkt die Schnauze nach unten. Ziehen und Schnüffeln. Will ich aber nicht. Will sie aber. Will ich aber nicht. Nicht hier. Ich visualisiere die kleine Wiese 50 Meter entfernt und bleibe innerlich bei diesem Bild. Ich gehe nicht auf den Zug der Leine ein. Ich bleibe auf Zug stehen, so dass sie nicht richtig schnüffeln kann. Sie kommt nicht weiter. Ich auch nicht. Ich übe nun die Hingabe an den Moment, man könnte auch sagen „achtsam sein im Moment“. Ich fühle, wie leichte Genervtheit aufsteigt. Ich erinnere mich daran achtsam ein- und tiefer auszuatmen und visualisiere wieder die nächste Wiese. Irgendwann schaut mich die Schnauze von unten herauf an und ich schicke ihr gedanklich mein Bild von der Wiese, gehe zielstrebig weiter. Es ruckelt an der Leine. Jetzt bloß nicht ziehen, denke ich mir. Wie beim Yoga. Wenn es nicht weitergeht, erstmal reinatmen in den Muskel. Annehmen und warten, bis der Dehnungsreflex kommt, dann geht es wieder. So ungefähr läuft es auch an der Leine.

Nun möchte ich aber „Strecke“ machen. Der Hund muss schließlich bewegt werden und trotz aller Hingabe und Compassion habe ich schließlich einen festen Zeitplan und noch eine To-Do´s. Wenn mein Leinenfreund das merkt, dann geht gar nichts mehr. Wohin also mit meiner Ungeduld? Ich will Power Yoga, Hund will Free-Style Yoga und was uns gerade hilft ist eher die Yin-Yoga Variante.

Oh Gott. Wie beim Laufen. Wie habe ich früher Marathonläufer gecoacht? Menschen, die von 3 auf 30 km wollten und dann noch weiter. Langsam zum Ziel war die Devise. Länger langsam, dann wird man irgendwann von alleine schneller.

Ärger und Erkenntnis steigt in mir auf. Es kann doch nicht sein, dass ich eigentlich weiß, wie es geht, und es nicht schaffe meinen eigenen Hund zu coachen.

Wir schaffen dann die erste Wiese. 50m von 5000m. Achtsam an der Leine Gassi gehen. Schnell wird klar, dass ich nach 1000m wieder umdrehen muss, denn sonst komme ich wieder in Zeitstress. Zuhause angekommen, ist meine Hündin nicht ausgelastet, ich auch nicht, aber dafür bin ich nicht genervt. Ich nutze die „freien“ 10 Minuten und mache eine kleine Meditation neben ihrer Hundedecke. Sie legt sich neben mich und beißt mir liebevoll in meine Füße, während ich versuche mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Ach herrje….neue Baustelle denke ich und probiere das „Yoga an der Leine“ am nächsten Tag direkt wieder aus. Dieses Mal mit 3 Schnüffel-Stops mehr bis zur ersten Wiese, dafür kommen wir gesamt auf 1500m Gassirunde ohne Push- und Pull an der Leine.

Das wird dauern…täglich grüßt die Praxis! Denke dran, Yoga findet nur zu 5% auf der Matte statt, der Rest ist Yoga im Alltag!

In diesem Sinne NAMASTE

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